Das urbane Fahrradmagazin

Falträder: Kleine Revolutionäre urbaner Mobilität

Falträder haben das Potential, urbane Mobilität, insbesondere den Pendelverkehr, maßgeblich positiv zu beeinflussen. Das Image der klapprigen Camping-Kuriosität wird den neuen Modellen schon lang nicht mehr gerecht: Ein Lokalaugenschein.

karen Greiderer_squarel
Seit 2017 leitet Karen das Urban Independence Magazin. Die leidenschaftliche Pedalistin hat bereits einige (Welt-)Reisekilometer im Radsattel gesammelt. Heute verbindet sie entweder Faltrad plus Kinderanhänger oder Kompakt-Cargobike mit der Bahn in Berlin und Brandenburg - meist mit ihrer Tochter auf Tour. Ihr Zugang zum Fahrrad(fahren) ist vielschichtig-detailverliebt aber stets pragmatisch und reicht in ihre frühen Jugendtage in Österreich zurück.
Foto: Andreas Stückl

Montag, 8:30 Uhr @ S-Bahnhof. Flink das Rad kompakt gefaltet und in den letzten freien Spalt im Radwaggon der Bahn verstaut. Hauptbahnhof – schnelle Entfaltung – Schwung aufs Rad – ab ins Büro. Mittags kommt das Rad mit zum Essen (es parkt unterm Kantinentisch), danach zum Termin, das Rad macht die Strecke – zurück ins Büro mit Shopping-Intermezzo, das Rad sitzt im Einkaufswagen. Abends im Theater verweist das Personal freundlich, dass das Rad gerne an Bühne oder Garderobe geparkt werden kann. Ein Traum? Nein. Mein Alltag als Faltradfahrerin in Berlin.

Auf einem Faltrad wird Alltagsmobilität in der Stadt zu einem selbstbestimmten Erlebnis. Einzelne Stationen lassen sich mit Auto, ÖPNV und Rad zeit-, nerven-, und kostensparend verknüpfen. Das Argument, nicht verschwitzt ins Büro kommen zu wollen und darum Rad gegen Auto zu tauschen wird durch intermodalen oder multimodalen Optionenreichtum entkräftet. Das Bügelschloss bleibt zu Hause, das Faltrad kommt überall hin mit (und hinein). Selbst Angebote für den Kindertransport per Faltrad gibt es mittlerweile.

Kleine Räder und Fahrverhalten

Das Fahrverhalten der aktuellen Falträder darf nicht mit den 70er-Jahre Stempelbremsen-Klappis (die auf Berlins Straßen sogar gerade Fixies den Kultstatus streitig machen) in Verbindung gebracht werden und konkurrieren locker mit ihren 28-Zoll Kollegen. Marktführende Modelle mit 16/18/20-Zoll Laufradsatz bieten eine angenehme Geometrie mit langem Radstand, optimaler Übersetzung und optimalem Gangspektrum, soliden Gepäcklösungen mit hoher Zuladung, ergonomischer Sitzposition und hoher Qualität. Die kleinen Räder machen nur mehr wenig im Fahrverhalten aus.

Reisen mit dem Faltrad

Weltreise mit dem Faltrad – Tagesetappen zwischen 20 und 120 Kilometer einfach zu machen. (Foto: Petit Tours)

 

Reisegepäck mit dem Faltrad

So viel Gepäck reicht aus für eine Weltreise mit dem Faltrad. (Foto: Petit Tours)

Lange Strecken mit dem Faltrad

Strecken von 8 km, eine Distanz, die ein durchschnittlicher Fahrradpendler am Stück zurücklegt, sind ohne jegliche Einbußen machbar. Auch auf langer Strecke bleiben die oft auch liebevoll „Foldies“ genannten Velos komfortabel. Das zeigt ein neuer Typ Reiseradler: Das Faltrad wird mit Flugzeug, Bus und Schiff kombiniert, um entlegene Destinationen und pulsierende Metropolen individuell zu entdecken. „Unsere Tagesetappen lagen zwischen 20 und 120 km“ so Daniel Kormann von Petit Tours, der mit seiner Reisepartnerin per Faltrad um die Welt reiste. „Nur üble Bodenbeschaffenheit wie zum Beispiel Sand konnte uns stoppen“, erklärt er. In vielen Städten ist das ein rares Straßenbild, weshalb Falträder für Städtetrips perfekt sind. Beim Flug zahlt man keinen Aufpreis – das Rad gilt als Gepäckstück. Selbiges gilt für Fähren, Züge, Busse, Tram, …

Faltradmitnahme in Flugzeug

Super einfache Faltradmitnahme im Flugzeug – ohne Aufpreis – als ganz normales Gepäckstück (Foto: Karen Rike Greiderer)

Kosten und Kauf

„Beim Faltrad gilt es bei der Anschaffung nicht zu sparen, um in den Genuss möglichst aller Vorteile zu kommen. Alles andere ist Geldverschwendung“, so Patrick Möller, von Boxbike. Die Kosten für ein Qualitätsfaltrad liegen bei 1.000 Euro aufwärts, der Gebrauchtmarkt ist klein, billige Marken drängen auf den (Bau-)Markt. Worauf ist also beim Faltradkauf achten? Zuallererst kommen Falt- und Fahrverhalten. „Falträder müssen sich intuitiv, schnell und kompakt falten lassen, ohne dass du dabei schmutzige Hände bekommst. Das Fahrverhalten muss sicher sein. Gerade die Wendigkeit verunsichert ungeübte Radfahrer und Radfahreinnen bei der Probefahrt, aber daran gewöhnt man sich schnell“, so der Berliner Faltrad-Spezialist. Es folgen Packmaß und Gewicht. Das stolze Gewicht (ab 10 kg) überrascht. Essentiell ist aber, dass sich das Rad zu einem kleinen Packmaß falten und komfortabel heben lässt.

Vorurteile und Vorteile

Im gefalteten Zustand erinnert manch billiges Foldie an einen seltsamen Zwischenfall. Im Straßenverkehr mimt es die Kuriosität. Kurzum: In Zentraleuropa ist man (gute) Falträder nicht gewohnt. Das liegt nicht daran, dass es keine Hersteller gibt. Vielmehr scheut man sich, viel Geld in ein Pendlerfahrrad – im Vergleich zu einem „Sportgerät“ – zu investieren. Zudem werden die kleinen Räder (noch) nicht ernst genommen. Diese Wahrnehmung kann sich in den nächsten Jahren ändern, denn

  • die inter- und multimodale Mobilität befindet sich in einer Etablierungsphase.
  • der öffentliche und private Raum wird in urbanen Ballungszentren schleichend knapper und teurer.
  • die Flexibilitäts- und Mobilitätsanforderungen in Job und Alltag steigen.
  • das Fahrrad als Verkehrsmittel boomt.
  • die Qualität der Falträder verbessert sich ständig.

Etablierte Marken

Mit gutem Beispiel geht der britische Faltradhersteller Brompton in London voran. In seiner Heimatstadt dominiert der Faltradklassiker immer mehr. Vom Studi bis zum Dr. Iur. erkennen viele die Vorteile des Faltrades. Im Londoner Straßenbild ist das Rad (fast) Normalität. Weitere Marken, die mit dem Briten in den Einkaufswagen zum Vergleich gepackt werden können sind das vollgefederte Birdy (Riese & Müller) und die asiatischen Marken Tern und Dahon. Nennenswert sind ebenfalls das superminimalistische Strida, die faltbare Luxuskutsche von Moulton und das geländegängige Full-Size-Foldie von Montague – für jeden Anspruch ist etwas dabei.

Fazit:

Falträder liefern praktische Mobilitätslösungen für urbane Radfahrer, gerade noch unterschätzt, aber mit viel Potential für alle!

karen Greiderer_squarel
Seit 2017 leitet Karen das Urban Independence Magazin. Die leidenschaftliche Pedalistin hat bereits einige (Welt-)Reisekilometer im Radsattel gesammelt. Heute verbindet sie entweder Faltrad plus Kinderanhänger oder Kompakt-Cargobike mit der Bahn in Berlin und Brandenburg - meist mit ihrer Tochter auf Tour. Ihr Zugang zum Fahrrad(fahren) ist vielschichtig-detailverliebt aber stets pragmatisch und reicht in ihre frühen Jugendtage in Österreich zurück.

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