Das urbane Fahrradmagazin

Lasst uns das Auto auf unseren Straßen willkommen heißen – als besonderen und seltenen Gast

Die Corona-Pandemie zeigt uns: Wir brauchen dringend eine neue Verkehrsgeschichte statt #MehrPlatzFürsRad. Jetzt wird nicht geradelt, sondern erstmal gedanklich in die Pedale getreten. Wir laden zum Date mit der Sprache und zum Dialog mit dem Verkehr.

This is an article written by a guest author from the Bike Citizens community (full profile below). If you also want to share your cycling stories, contact us.
Wer definiert den Status Quo und die Platzverteilung auf den Straßen? Und wer sagt was wie normal ist? Foto © Lars Greefhorst

Los geht’s: Jacke an, Fahrradschloss und Licht ans Rad, Schlüssel einpacken… und ab in die Hängematte. Wir starten unsere Radfahrt in Gedanken auf einem gepflasterten Fußweg. Radfahren ist auf dem engen, holprigen Weg erlaubt – aber hier tummeln sich auch Fußgängerinnen und Fußgänger.

Links neben uns ist die Autostraße. Auf dieser darf mit dem Rad auch gefahren werden. Über den etwa 15 cm hohen Bordstein rumpeln wir etwas ungemütlich eine Ebene tiefer. Jetzt können wir beim Dialog des Verkehrs mitmischen. Aber wir streiten uns nicht mit „DEN Autofahrenden“! Wir unterhalten uns mit ALLEN am Verkehr Teilnehmenden auf Augenhöhe.

Wo geht es lang?

Der erste Knotenpunkt: Mehr Platz fürs Rad
Unsere Sprache beeinflusst unser Denken und Handeln – das nennt man Konstruktivismus. Der begleitet uns treu auf unserem Weg als Radfahrende, „mehr Platz fürs Rad“ zu fordern.  Und hier sind wir bereits am ersten Knotenpunkt unserer Reise angelangt und kommen ins Grübeln:

Sind Radfahrende wirklich diejenigen, die sich für ein bisschen mehr Sicherheit und Komfort einen Meter Fahrbahn und ein bisschen Farbe jahrelang erbetteln müssen (was eigentlich weit weg ist von echter Sicherheit und Komfort auf geschützten Radstreifen)? Und am Ende werden wir oft doch viel zu eng von einem unverhältnismäßig großen Auto unverhältnismäßig schnell überholt.

Oder ist es vielleicht so, dass Menschen, die Rad fahren, die vielen Autos auf unser aller Straßen schon seit zu langer Zeit dulden? Haben wir den Fokus für das Wesentliche und wirklich Wichtige verloren? Lasst uns ein menschliches „Miteinander“ nicht nur durchs „Daheimbleiben“, sondern auch unterwegs fördern. Könnte die Forderung nicht heißen: 

Bewegungsfreiheit statt Tempofreiheit? 

Bogota Radweg

Bei der Cyclovía in Bogotá werden jeden Sonntag mehr als 100 Kilometer Straße für den motorisierten Verkehr gesperrt. Foto © Verena Engel

Du definierst, was „normal“ ist – mit der Art und Weise wie du sprichst
Wer definiert den Status Quo und die Platzverteilung auf den Straßen? Wer sagt uns dabei, was normal ist? Und wer benennt dabei, wer oder was Teil des Problems bzw. Teil der Lösung ist? Richtig, das alles machen wir mit unserer Sprache und der Art wie wir über Dinge sprechen.

Wieso/Weshalb/Warum

Wie wir über Mobilität und Verkehr sprechen definiert wie wir Mobilität und Verkehr wahrnehmen 

Beispiel 1: Wie ist der öffentliche Raum verteilt?
Wieso diskutieren wir darüber, ob Parkplätze weggenommen werden dürfen?
Wieso fragen wir nicht, weshalb ungenutzte Autos unseren wertvollen öffentlichen Raum zustellen? Warum haben Radfahrende und zu Fußgehende kaum Platz. Und das wird gerade jetzt, durch die Pandemie spür- und sichtbarer denn je: Das Einhalten des Mindestabstands von 1,5 m auf Fußwegen ist sehr mühsam…

Beispiel 2: Welches Tempo wird unseren Straßen gerecht?
Warum ist eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf städtischen Straßen mit dem Grad der Luftverschmutzung, Lärmbelastung und Gefährdung „schützenswerter Verkehrsteilnehmer“ zu rechtfertigen?
Wieso ist es überhaupt erlaubt, innerorts schneller als 30 Stundenkilometer zu fahren?
Warum diskutieren wir nicht darüber, ob eine Erhöhung der Höchstgeschwindigkeit gerechtfertigt ist?

Beispiel 3: Was zeichnet die Straße als Ort aus?
Wieso werden Straßen heute immer gedanklich dem Autoverkehr zugeordnet und sind somit unangenehme Orte, die man als Aufenthalts- und Wohnort meiden möchte?
Weshalb nehmen wir Straßen nicht als öffentliche Orte der Bewegung, Begegnung und Interaktion wahr.
Warum sind Straßen kein lebenswerter Teil unseres Lebens?

Corona Fahrrad

Straßen sollten eigentlich ein schöner Ort der Begegnung sein. Warum nehmen wir das anders wahr? Foto © Krisztian Tabori / Unsplash

Leere Straßen machen Platz für…?
Lasst uns die aktuell leeren Straßen für eine Verschnaufpause nutzen und unsere Gedanken über Mobilität und Verkehr neu sortieren. Wir können jetzt den Ausgangspunkt zukünftiger Verhandlungen durch Sprache neu definieren – in dem wir uns überlegen wie wir über diese Dinge sprechen.

Wollen wir, dass die Normalität unserer Straßen einem bizarren Horrorklassiker in einem verstaubten Geschichtsbuch gleicht? Oder wollen wir lieber eine neue, lebensfrohe Geschichte erzählen? Wie soll sie heißen?

Wie man (vielleicht) eine Geschichte schreibt

1.  Bestandsanalyse

Lasst uns überlegen, wie wir unsere Geschichte gerade wahrnehmen. Aus welcher Perspektive wir sie erzählen. Und  ob wir nicht lieber eine andere Geschichte erzählen wollen. Dazu braucht es ein wenig Vorstellungskraft, aber das ist gar nicht so schwer:

2. Magie

Wenn wir das nächste Mal unsere Jacke anziehen, Fahrradschloss und Licht ans Rad montieren, den Schlüssel einpacken und aufs Rad steigen um auf leeren Straßen zum Einkaufen radeln, dann müssen wir ja aus aktuellem Anlass genügend Abstand zu anderen Menschen halten. Aber auch aus einiger Entfernung kann man andere zufrieden anlächeln. Und allein das wirkt ansteckend – mit ausschließlich positiven Folgen für alle.

3. Neue Erkenntnisse

Vielleicht fällt uns jetzt auf, wie wunderbar verschieden wir alle sind. Und dass uns trotzdem einiges verbindet. Lass das jetzt wirken.

4.  Zielsetzung

Ein guter Zeitpunkt sich zu überlegen, wie die neue Geschichte auf unseren Straßen aussehen soll ist: Jetzt! Wer steht im Vordergrund und hat Platz? Warum? Welche Werte werden vermittelt? Und wie könnte der glückliche Ausgang der Geschichte sein?

5. Vernetzung

Die Introspektion haben wir alle ganz alleine gemacht – vielleicht in Isolation während der Corona Pandemie? Die Verantwortung zur Auseinandersetzung lag bei uns. Die Umsetzung und das Erzählen liegt an vielen.

6. Umsetzung

Zum Abschluss überlegen wir uns, von welchem Standpunkt aus wir (weiter) verhandeln möchten, damit die neue Geschichte zum Hit wird und sich als Volkserzählung über viele Generationen hin streut.

Und am Ende – das gleichzeitig die neue Einleitung ist – machen wir nicht „mehr Platz fürs Rad”.  Sondern wir heißen das Auto auf unseren Straßen willkommen – als seltenen Gast.

Über die Autorin
Verena EngelVerena Engel hat ein Jahr in Vancouver, British Columbia / Kanada gelebt, um dort die nachhaltige Stadtplanung vor Ort zu erleben und über Protected Bike Lanes (PBL) im Rahmen ihrer Masterarbeit zu recherchieren. Die gesammelten Erfahrungswerte will sie nun nutzen, um auch deutsche Straßen noch schöner, sicherer und nachhaltiger zu machen.

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