Das urbane Fahrradmagazin

CERCLE THE WORLD

Interview mit Bernhard Sobotta, der sich nicht nur traute ein Reisefahrrad völlig neu zu denken, sondern diese Idee auch in die Tat umgesetzt hat.

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Dass es Menschen geben soll, die mehr als ein Fahrrad besitzen, konnte die sportliche Grazerin bis vor fünf Jahren gar nicht verstehen. Heute kann die Marketingberaterin nicht mehr ohne Stadtflitzer, Rennrad und Mountainbike sein. Auch für Klatsch & Tratsch mit Freundinnen sitzt es sich mittlerweile besser am Sattel, als auf der Couch.
Foto: Cercle Cycle / Bernhard Sobotta

Warum braucht die Welt ein weiteres – oder besser gesagt: ein anderes – Reiserad?

Bernhard: Wer eine Radreise unternehmen möchte, der besorgt sich einen stabilen Rahmen mit guter Gangschaltung und griffigen Bremsen – und hängt Packtaschen dran. Damit kommt man schon einmal gut in der Gegend herum. Man kann sogar den gesamten Planeten umfahren, aus eigener Kraft! Bisherigen Reiserädern liegt also eine eigentlich sehr eng gefasste Ausgangsfrage zugrunde: Wie muss eine Maschine aussehen, die leicht und haltbar ist, um damit aus eigener Kraft die Welt befahren zu können? Das war eine gute und wichtige Frage – und sie wurde umfassend und zufriedenstellend beantwortet.

Allerdings will man beim Reisen nicht nur vorankommen, sondern auch essen, chillen, schlafen…

Fragen, die man sich dann immer wieder stellt: Wo kann ich mich hinsetzen und entspannt Brotzeit machen? Wo stelle ich den Kocher hin, damit er nicht umfällt? Wo finde ich einen Platz fürs Zelt, der einigermaßen eben, sauber und vielleicht sogar trocken ist? Lasse ich meine Packtaschen heute draußen oder hole ich sie lieber zu mir ins Zelt, damit sie sicher sind? Diese Fragen wurden in Bezug auf das Reiserad noch nicht ausreichend beantwortet und genau darum ist hier noch viel Spielraum für Weiterentwicklung und Innovation.

Foto: Cercle Cycle / Bernhard Sobotta
Foto: Cercle Cycle / Bernhard Sobotta

Was kann Cercle, was kein anderes Fahrrad kann?

Bernhard: Heruntergebrochen auf das Wesentliche könnte man sagen: Cercle ist das Fahrrad, das dem Zuhause-Gefühl Mobilität verleiht. Es bietet zwei verschiedene Modi: Wir können uns damit fortbewegen und unsere Habseligkeiten transportieren. Wir können es aber auch „bewohnen“. Das Cercle ist Fahrrad, aber zugleich auch Stuhl und Wäscheständer, Tisch und Kochstelle, Liege und Bett, Zelt und Sonnenschutz.

Egal ob wir unseren Zweibeinständer an einem schönen Sandstrand oder im tiefen Wald ausklappen – im Kern ist immer alles vertraut und gewohnt. Das Cercle ist die beständige Komponente auf jeder Abenteuerreise, die Halt und Struktur gibt. Wenn Herbert Grönemeyer Recht hat, und Heimat kein Ort, sondern ein Gefühl ist, dann ist Cercle kein Fahrrad, sondern ein Zuhause.

Wie kamst du auf die Idee, den Mobilitätsmodus des Fahrrads zu erweitern?

Bernhard: Im Sommer 2019 saß ich eines Tages in der WG-Küche und ließ meine Gedanken schweifen. Ich war damals sehr fasziniert von Lastenrädern und überlegte so vor mich hin, wie man ein Gestell einer Hängematte mit einem Fahrrad kombinieren könnte. Obwohl ich diesen Ansatz ein paar Wochen später zugunsten eines stabilen, ausklappbaren Aluminium-Bettgestells aufgegeben habe, hatte diese „crazy idea“ genug Momentum, um das Cercle ins Rollen zu bringen.

Foto: Cercle Cycle / Bernhard Sobotta
Foto: Cercle Cycle / Bernhard Sobotta

Wer steckt hinter der Erfindung „Cercle“?

Bernhard: Wenn man es philosophisch ausdrücken will, dann waren der Wunsch nach mehr Freude am Leben und das Bedürfnis nach mehr Leichtigkeit und Freiheit die Erfinder. Als ich 18 war, entschied ich mich für Work & Travel in Australien. Dieser Ort hat mich für immer verändert. Ich habe die zen-buddhistische Freude des Seins kennen und lieben gelernt. Zurück in der Heimat und der Normalität habe ich vor lauter Post-Travel-Depression gar nicht mehr gewusst, wie es für mich weitergehen soll.

Seit dem Heimkehren war da dieses unbändige Streben nach dem Zustand, dem ich mich in Australien hingeben konnte. Ich wollte mich von alten Zwängen lösen, die Freiheit spüren, glücklich sein und in Leichtigkeit leben. Dieser Wunsch begleitete mich eine ganze Weile, bis ich ein paar Jahre später im Rahmen meiner Bachelorarbeit die Chance bekam, an einer besonderen Frage zu forschen: „Kann man am Fahrrad eine Übernachtungsmöglichkeit integrieren?“ Dieser Frage bin ich nachgegangen. Ich habe das Produkt Fahrrad völlig neu gedacht, funktions- und designtechnisch umgesetzt und mittlerweile um viele Features erweitert.

Eine geniale Idee! Warum ist vor dir noch niemand draufgekommen?

Bernhard: Gute Frage. Ehrlicherweise bin ich da auch schon länger am Rätseln. Die Frage hat mich in der Anfangszeit sogar ziemlich verunsichert. Das Cercle ist ja keiner großen technischen Innovation entsprungen – das hätte man vor über 100 Jahren schon hinbekommen.

Ich denke mal, die Idee mit dem Fahrrad und dem Bett wird schon öfter mal bei einem Erfinder angeklopft haben.

Wie die Kreativen vor mir, hätte ich vielleicht auch nicht den Schritt in die Umsetzung gewagt, wenn ich mich vom Gegenwind verunsichern hätte lassen. Auftrieb verliehen haben mir dagegen zwei entscheidende persönliche Erfahrungen. Meine erste Radreise machte ich in einem Anfall jugendlichen Leichtsinns mit meinem besten Kumpel von München an die Nordküste Spaniens. Ein paar Jahre später habe ich mich zu Fuß auf eine mehrmonatige Pilgerreise quer durch Europa aufgemacht. Meine Erkenntnis: Zu Fuß schaffte ich im Vergleich zum Radeln lediglich ein Drittel der Strecke. Auch wenn man als Autofahrer das Reisen mit dem Fahrrad als mühselig und langsam beschreiben würde – aus Pilgerperspektive waren die überholenden Radler die Könige auf der Wegstrecke. Sie haben genauso viel von der Landschaft mitbekommen, hatten allerdings mehr Komfort und mehr Tempo. Aus Wandersmann-Perspektive war es also eine tolle Vorstellung, dass mein Reiserad durch ein paar zusätzliche Kilos auch Sitzgelegenheit und Schlafplatz bietet.

Nachdem wir alle noch nicht auf einem Cercle gesessen sind: Welches Gefühl beschreibt das Reisen mit diesem Fahrrad am besten?

Bernhard: Hajanga!
Inzwischen fühle ich mich ziemlich unvollständig, wenn ich ohne mein Cercle unterwegs bin. Ich gehe außer Haus und vergesse etwas. Handy, Schlüssel, Geldbeutel, Regenjacke, Sitzunterlage, Sonnencreme, Feuerzeug, Fahrradlicht – irgendetwas fehlt immer. Nicht aber mit dem Cercle – damit habe ich immer alles dabei. Ein anderer Begriff, der meine Grundstimmung am Cercle gut beschreibt ist „gelassene Heiterkeit“. Wenn ich ein paar Tage im Sattel gesessen bin, stellt sich ein unglaubliches Vertrauen ins Leben ein. Was soll schon passieren? Ich habe doch alles was ich brauche!

Foto: Cercle Cycle / Bernhard Sobotta

Kannst du dich an einen ganz besonderen Moment mit dem Cercle erinnern?

Bernhard: Das liest sich jetzt vielleicht für einige unspektakulär. Aber ungefähr ein Jahr nachdem ich die erste längere Testreise gemacht habe, realisierte ich so richtig, dass meine Idee nicht mehr in meinem Kopf ist, sondern tatsächlich angreifbar vor mir steht. Voller Demut habe ich mir klar gemacht: Man kann sich damit fortbewegen und man kann darin sein Zuhause finden. Selbst wenn mich aus unerfindlichen Gründen morgen der Blitz treffen würde, hätte ich meine Idee bereits in die Welt gebracht und das Samenkorn gestreut, um diese auch weiter reifen zu lassen. Das ist ein großartiges Gefühl.

Foto: Cercle Cycle / Bernhard Sobotta

Und worüber denkst du nach, wenn du in einem ruhigen Moment auf dem Cercle Platz nimmst und die Gedanken schweifen lässt?

Bernhard: Wie dankbar ich bin, dass ich mich mit dem Projekt auf den Weg gemacht habe!

Wie erprobt ist Cercle bereits?

Bernhard: Es hat den großen Sprung geschafft – vom Blatt Papier in die Werkstatt bis in die freie Wildbahn. Auf unserer ersten größeren Testfahrt konnten wir über rund 1000 Kilometer Strecke die Funktionen überprüfen und das Gefährt auf seine Alltagstauglichkeit testen. Selbst beim Busfahren durfte der Prototyp in den Kofferraum, beim Zugfahren haben wir trotz leichter Überlänge auch immer irgendwo ein freies Plätzchen gefunden.

Die User Experience im Campingmodus fühlt sich schon echt gut an. Das multifunktionale Bett-Stuhl-Liege-Tisch-Gestell, das wir CampingCompanion nennen, kann zügig ausgeklappt werden. Man sitzt gut, der Tisch ist recht stabil, man kann entspannt schlafen, und alles in allem wiegt dieses Modul gerade einmal 3,5 Kilogramm.

Ein großes Kapitel ist auf jeden Fall noch der Entwurf und die Maßanfertigung des Zelts. Bisher nutzen wir eine alte Plane als Notlösung. Ideal wäre es jemanden zu finden, der Lust an dem Projekt hat und Erfahrung im Zeltbau mitbringt.

Bautechnisch gibt es vor allem noch die Herausforderung, dass man aktuell nicht im Wiegetritt fahren kann, weil der Ring ein bisschen im Weg ist. Dafür habe ich bereits eine Lösung im Kopf, die auch mit Kreisgeometrie funktioniert! Bei jeglicher Entwicklung ist dieses Grundelement in Design und Technik für mich unantastbar.

Das Konzept steht, der Prototyp ist gebaut, das Fahrrad ist erprobt! Wie geht es jetzt weiter?

Bernhard: Wir bauen uns gerade eine Reichweite auf Instagram auf, um die Idee weiter in die Welt zu tragen. Wir haben sogar einen Kurzfilm gedreht, den wir bald präsentieren. Seit Juni mache ich ein Praktikum bei Portus Cycles in Pforzheim und freue mich darauf, viel Nützliches für mein Projekt mitzunehmen. Bei Alex kann ich extrem viel über Fahrradtechnik und die Kunst des Rahmenbaus lernen. All dieses Wissen wird im Anschluss in den Prototypen2.0 fließen.

Mit meinem Kumpel William Cornwell plane ich 2022 auf Weltreise aufzubrechen. Selbstverständlich werden wir beide mit einem Cercle losstarten. Im Herbst 2021 werden wir dafür das Zelt erarbeiten und im Januar sieht unser Projektplan ein Crowdfunding vor, um das Reisebudget aufzubessern, bevor es dann am 1. Mai 2022 losgeht! Toll wäre es auch noch ein drittes Exemplar zu fertigen, das wir gerne auf Instagram verlosen möchten!

Welche große Zukunftsvision hast du in Bezug auf Cercle?

Bernhard: Mit dem Cercle möchte ich Menschen einen Raum öffnen, um sich zu finden, zur Ruhe zu kommen, einfach zu sein und dabei nicht auf einen gewissen Standard zu verzichten. Meine Vision ist es, dass sich viele Menschen mit dem Cercle auf den Weg machen und – egal wohin sie reisen – die Schönheit des Lebens entdecken und spüren.

Um diese Vision umzusetzen, möchte ich meinen Traum von einer kleinen Manufaktur realisieren, in der jedes Jahr ein paar handgefertigte, individuelle Cercles vom Stapel laufen.

Wie kann man dich in deiner Vision unterstützen?

Bernhard: Indem man Teil unserer Crowdfunding Kampagne wird. Bei Instagram findet man uns unter cercle_the_world, bei Facebook und Youtube unter Cercle the World. Dort halten wir unsere Fans und Follower am Laufenden, zeigen alles rund um die Projektentwicklung, informieren rechtzeitig über unsere Crowdfunding Kampage und teilen selbstverständlich ab 1. Mai 2022 auch unsere Reiseerlebnisse.

Außerdem steht bei uns alles unter dem Motto „Weʼd love to collaborate“!

Cercle war von Anfang an ein Gemeinschaftsprojekt. Es wäre wohl nie in die Welt gekommen, wenn nicht viele Menschen ihre unterschiedlichen Fähigkeiten für dieses Projekt zur Verfügung gestellt hätten. Darum die Einladung an alle Leser: Du hast eine Fähigkeit oder Leidenschaft, die du gerne ins Projekt einbringen möchtest? Melde dich gerne bei uns! Diese Einladung gilt übrigens auch für alle, die uns in irgendeiner Form unterstützen möchten. Schreib gerne auf Instagram, Facebook oder unter cercletheworld@riseup.net

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Dass es Menschen geben soll, die mehr als ein Fahrrad besitzen, konnte die sportliche Grazerin bis vor fünf Jahren gar nicht verstehen. Heute kann die Marketingberaterin nicht mehr ohne Stadtflitzer, Rennrad und Mountainbike sein. Auch für Klatsch & Tratsch mit Freundinnen sitzt es sich mittlerweile besser am Sattel, als auf der Couch.

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