Das urbane Fahrradmagazin

Fahrradfreundliche Politik: Anne Hidalgo und fünf andere Bürgermeister zeigen, wie es geht

Wer fahrradfreundliche Politik in seiner Stadt vorantreiben möchte, sollte auch selber auf das Rad steigen. Wir haben fünf Bürgermeister und eine Bürgermeisterin recherchiert, die mit gutem Beispiel vorangehen.

Tobias Finger square
Tobias Finger ist freier Journalist und Sozialwissenschaftler in Berlin. Wenn er nicht schreibt, kutschiert er Laptop, Kamera und Notizbuch mit dem Rad durch die deutsche Hauptstadt.
Foto: Bike Citizens

Taipeh – Dr. Ko Wen-Je

Ohne politische Erfahrung direkt ins Bürgermeisteramt von Taipeh: Seit Ende 2014 regiert der promovierte Chirurg Ko Wen-Je die Hauptstadt Taiwans. 2015 kündigte er an, das Fahrrad als Transportmittel in der Millionenstadt zu etablieren. Auf allen größeren Straßen sollen Radwege angelegt werden. Auch das System für Leihfahrräder „YouBike“ wurde überarbeitet und verzeichnet seitdem stark ansteigende Nutzungszahlen. Außerdem findet jährlich die „Taipei Cycle Show“ statt, die größte Fahrrad-Messe Asiens.

Im vergangenen Jahr setzte Ko dann selber ein Zeichen pro Fahrrad: In weniger als 21 Stunden fuhr er mit seiner Entourage die 380 Kilometer von der Hauptstadt im Norden der Insel bis ins weit südlich gelegene Kaohsiung. In Taipei selbst gibt es allerdings noch Verbesserungspotential. So werden die neuen Fahrradstreifen häufig missachtet, da in den vollgepackten Straßen der Metropole einfach nicht genug Platz ist. Bleibt für alle radaffinen Bewohner und Bewohnerinnen zu hoffen, dass Ko sein Fahrrad nicht nur zu Wahlkampfzwecken auspackt.

London – Boris Johnson (Ex-Bürgermeister)

Von Boris Johnson kann man halten was man möchte. Doch was die Fahrradfreundlichkeit in London angeht, kann man dem Ex-Bürgermeister, späteren Brexit-Befürworter und heutigen Außenminister wenig vorwerfen. Der Fahrrad-Fan sorgte während seiner Amtszeit von 2008 bis 2016 für den Bau etlicher baulich getrennter Fahrradwege, einer 24 Kilometer langen und exklusiv für Fahrräder gedachten Ost-West Verbindung und die Einführung und Ausweitung des Leihräder-Systems. Nach ihm werden die Fahrräder im Lokaljargon Boris Bikes getauft.

Boris johnson boris bikes

Boris Johnson mit im Lokaljargon “Boris Bikes” genannten Leihfahrrädern. Foto: Andrew Parsons/ i-Images via Flickr (CC BY-ND 2.0)

So gerne Johnson als Bürgermeister auf seinem City-Bike zum Rathaus fuhr (und dabei ein beliebtes Fotomotiv abgab), seitdem er Außenminister ist, darf er seine Pendelstrecke nicht mehr auf zwei Rädern zurücklegen. Denn die Metropolitan Police hat es ihm verboten. Als Außenminister wäre die Gefahr eines Anschlags auf dem Rad zu groß. Johnson wehrte sich zunächst, fügte sich dann aber dem Willen der Polizei. Seitdem wurde er immer öfter beim Joggen gesichtet: Irgendwie müsse er ja die Kalorien der Politik-Empfänge abbauen, sagte ein Vertrauter der Daily Mail.

Lillestrøm – Jacob Flæten

Lillestrøm liegt 18 Kilometer östlich von Oslo, hat rund 14.000 Einwohner und Einwohnerinnen und bezahlt diese für’s Radfahren. Wie bitte? Nun, zugegebenermaßen ist das Experiment abgeschlossen. Über einige Wochen hinweg gab es jedoch für jeden fahrradfahrenden Menschen, der einen der Checkpoints in der Innenstadt passierte, 12 Euro. Bürgermeister Jacob Flæten begründete die ungewöhnliche Maßnahme mit dem Nutzen für Umwelt, Gesellschaft und Stadt.

In Lillestrøm möchte er die Innenstadt autofrei machen. Dafür wird das Fahrrad- und Gehwege-Netz weiter aus- und die Zahl der Auto-Parkplätze abgebaut. Selber fahre er zwar nicht so viel Fahrrad wie Boris Johnson, gab Flæten im Interview mit ZEIT online zu Protokoll, doch dienstlich nutze er nur Wasserstoffauto oder Elektrofahrrad. Und ich bin dann mal unterwegs nach Norwegen, Frei-Geld abholen.

Darmstadt – Jochen Partsch

Jochen Partsch regiert als erster Grüner eine hessische Großstadt. 2011 trat er sein Amt als Oberbürgermeister von Darmstadt an, 2017 wurde er für eine neue Amtszeit gewählt. Und nach wie vor fährt er zu fast allen Terminen mit seinem Fahrrad. Damals trat er mit dem Versprechen an, „Darmstadt zu einer Metropole der Nachhaltigkeit, Ökologie, Sozialpolitik und Bildung“ auszubauen.

Teilweise hatte er damit Erfolg: Darmstadt räumte bei verschiedenen Städte-Rankings in den vergangenen Jahren verlässlich gute Ergebnisse und erste Plätze ab. Zum Beispiel gewann die Stadt in Süd-Hessen in den letzten beiden Jahren die Auszeichnung der WirtschaftsWoche als Deutschlands Zukunftsstandort Nummer eins. In Sachen Fahrradfreundlichkeit gibt es aber noch reichlich Nachholbedarf, wie die Regionalzeitung Darmstädter Echo nach der ersten Amtszeit bilanzierte. Nur kleine Maßnahmen seien umgesetzt worden, nach wie vor habe die Stadt pro Einwohner und Einwohnerin die höchsten Unfallzahlen bei Radfahrerenden in hessischen Städten. Der Ausbau sei „unbefriedigend“. Partsch lässt sich davon nicht abschrecken, er fährt weiterhin mit dem Fahrrad zu seinen Terminen.

Paris – Anne Hidalgo

Noch eine Premiere: Seit 2014 ist Anne Hidalgo die erste Bürgermeisterin von Paris. Und die gebürtige Spanierin setzt in ihrer neuen Position voll auf das Fahrrad. „2017 wird das Jahr des Fahrrads werden“, kündigte sie Anfang des Jahres an. Dafür hat sie einige Maßnahmen in die Wege geleitet: Bis 2020 soll die Gesamtlänge der in Paris existierenden Fahrradwege verdoppelt werden, während der motorisierte Verkehr um die Hälfte reduziert werden soll. Außerdem ist Hidalgo eng verbunden mit dem Fahrrad-Leihsystem Vélib, das 2007 von ihrem Vorgänger eingeführt wurde und das sie weiter ausbauen will.

Hintergrund ist die anhaltend starke Luftverschmutzung in der französischen Hauptstadt. 2016 war Paris zwischenzeitlich in Sachen Feinstaub sogar die am schwersten belastete Stadt der Welt. Für Hidalgo steht die Ursache fest: „Unser Ziel ist ganz klar die Reduktion des Autoverkehrs. Wir müssen die Bürger und Bürgerinnen daran erinnern: Je weniger Autos fahren, desto weniger Luftverschmutzung gibt es.“ Oder umgekehrt: Je mehr Fahrräder fahren, desto besser ist die Luft. Erste Anzeichen von Erfolgen gibt es. Seit der Einführung von Vélib 2007 hat der motorisierte Verkehr um 30 Prozent abgenommen.

Mals – Ulrich Veith

Dass zielführende Fahrradpolitik nicht nur in Städten, sondern auch in kleinen Gemeinden möglich ist, zeigt das Beispiel von Mals in Südtirol. Wie in anderen Dörfern auch ist der Radverkehrsanteil deutlich geringer, als in Großstädten wie London oder Paris. Doch der 5000-Personen-Ort lässt sich trotz enormen Höhenunterschieden und anderen Schwierigkeiten wie Platzmangel und langen Wegen nicht entmutigen. „In einem Dorf ist es nicht möglich, Radfahren zu forcieren, wenn man nicht andere Arten der Mobilität verdrängt“, fasst der begeisterte Radfahrer Veith die Problematik zusammen.

Noch vor 10 Jahren fuhr in Mals nahezu niemand mit dem Fahrrad, weil das Auto dominierte. Dank Maßnahmen in der Siedlungs- und Stadtentwicklung gab die öffentliche Verwaltung unter Veith den Menschen, die Radfahren oder zu Fuß gehen, große Flächen des öffentlichen Raum zurück. Zum Beispiel in der Form einer Fußgängerzone in der Innenstadt, einem verbesserten öffentlichen Nahverkehr und Umleitungen für den Autoverkehr. Zusätzlich wurden E-Fahrräder zur Verfügung gestellt und die Fahrradmitnahme in den Regional-Zügen ermöglicht. Was zuerst zu einem Aufschrei unter Autofahrenden führte, hat sich mittlerweile ausgezahlt: Pendler und Pendlerinnen sind umgestiegen, der Einzelhandel blieb im Ort und der Radverkehrsanteil stieg auf 7 Prozent und wird sich der Planung nach bald verdoppelt haben.

Es zeigt sich also:

Sinnhafte und zielführende Radpolitik ist nur möglich, wenn sie von den Verantwortlichen auch selbst gelebt wird. Auch in größeren Dimensionen. Nachdem Emmanuel Macron als neuer Präsident Frankreichs gewählt wurde und Donald Trump für den US-amerikanischen Ausstieg aus dem Klimaabkommen tadelte, ging ein Bild von ihm auf dem Fahrrad viral, das sein persönliches Umweltbewusstsein unterstrich.

Tobias Finger square
Tobias Finger ist freier Journalist und Sozialwissenschaftler in Berlin. Wenn er nicht schreibt, kutschiert er Laptop, Kamera und Notizbuch mit dem Rad durch die deutsche Hauptstadt.

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Kommentare
  • Norbert

    Dortmund hat auch einen Bürgermeister, der Rad fährt und zwar im Alltag und nicht für Bilder. Dadurch ändert sich aber in Dortmund nichts.

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