Das urbane Fahrradmagazin

Bike Citizens – Marketing für Freude am Radfahren und clevere Städte

Der Name ist bekannt in der Fahrrad-Szene: “Das sind doch die mit dem Finn, oder? Und haben sie nicht auch eine Navigations-App?” Ja. Aber das ist längst nicht alles. Bike Citizens bringen die Freude am Radfahren in die Stadt. Ein Porträt einer unkonventionellen Firma.

Doro Staub
Doro Staub ist Texterin und lebt in der Schweiz und in Italien. Sie reist seit Jahren immer wieder mit dem Fahrrad durch Italien. Wer das auch gern machen möchte, findet auf ihrem Blog Miss Move viele bunte Berichte und Tipps.
Foto © Andreas Stückl / Bike Citizens

Es war einmal in Budapest…
Andreas Stückl nahm 2010 an einer Fahrradkurier-Meisterschaft in Budapest teil. Einmal dort, wollte er mehr von der Stadt sehen. So führten ihn seine Freunde per Fahrrad, schnell und sicher, über Schleichwege und Seitensträßchen, zu lauschigen Plätzen und coolen Bars. 

Hier sprang der Funke – die Grundidee für Bike Citizens entstand: Andreas hatte so viel Spaß, die fremde Stadt auf dem Fahrrad zu entdecken, dass er das Erlebnis weitergeben wollte: Es müsste ein Tool geben, das es jeder und jedem erlaubt, selbständig fremde Städte – oder die eigene – mit dem Fahrrad zu entdecken.

Zurück in Graz, sprach Andreas mit seinem Freund Daniel Kofler darüber – ebenfalls Fahrradkurier. Und mit Mihai Ghete, einem befreundeten App-Entwickler, den die Idee ebenfalls packte. Zusammen setzten sie sich hin und entwickelten basierend auf den Bedürfnissen von Radfahrenden den ersten Routing-Algorithmus, den Kern der heutigen Bike Citizens App. Damals nannten sie die App und ihr neues Unternehmen BikeCityGuide. Heute sagt Andreas:

“Wir wollten mittels Digitalisierung die Menschen in Städten aufs Fahrrad bringen. Das war von Anfang an so – und ist heute noch so.” Das ist Antrieb, Motto und Mission der Bike Citizens.

Bike Citizens

Early days: Andreas Stückl (mitte) und Daniel Kofler (rechts) auf ihren Rädern. Foto © Bike Citizens

Die Idee funktionierte. Das Geschäft hob ab. In den ersten drei Jahren standen Aufbau und Verkauf der App im Mittelpunkt. 2014 kam der Finn hinzu: die Smartphone-Halterung aus Silikon, die an jeden Lenker passt und für jeden Typ von Smartphone geeignet ist. Der Finn war von Anfang an ein Riesenerfolg. Bis heute wurden über eine Million Exemplare verkauft. 

Im Jahr 2015 wechselten die Jungunternehmer den Namen von BikeCityGuide zu Bike Citizens. Im Jahr darauf gewann die Bike Citizens-App den Eurobike Award in der Kategorie Konzept & Dienstleistung. (Anm. der Red.: Die Eurobike ist die Weltleitmesse Fahrrad.)

Finn

Der Finn in Taipai. Foto ©  Bike Citizens / Andreas Stückl

Hell Riders

Die Hell Riders Galerie – Teamfotos bei Bike Citizens. Foto © Bike Citizens

Bike Citizens bringen Spaß am Radfahren in die Städte
Mit dem Erfolg wuchsen die Projekte, das Team und auch die Verantwortung. Heute arbeiten über 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an den zwei Standorten Graz und Berlin für Bike Citizens und das Urban Independence Magazin. Längst ist das Unternehmen international angekommen, arbeitet engagiert daran, die Städte von morgen mit zu gestalten. Der Leitgedanke ist immer der gleiche: Menschen im urbanen Raum aufs Fahrrad bringen. Aber wie genau machen das die Bike Citizens? Das Unternehmen hat drei grosse Produkte-Pfeiler: 

Finn

Der Finn hatte oben schon seinen Auftritt. Alle Informationen dazu findest du auf der eigenen Finn-Seite.

Bike Citizens App

Das Urprodukt, die App, wird stets weiterentwickelt. Mittlerweile sind Karten für die Routenplanung und offline-Navigation für über 450 Städte erhältlich. Dazu verschiedenste Features, die über die reine Navigation hinausgehen. Zwei davon sind:

london-heatmap

Die Heatmap von London © Bike Citizens

Die Heatmap ermöglicht es allen App-Nutzenden, ihre meist gefahrenen Kilometer grafisch abzubilden. Sie lässt sich aber auch für eine ganze Community darstellen, etwa für eine Stadt.

 

 

Berlin Reachability 5 Minutes by bike Boxhagener Platz

Die farbigen Bereiche zeigen wie weit du in  5, 10 oder 15 Minuten auf dem Rad kommst.  Graphik © Bike Citizens

5 Minutes by Bike: In diesem Feature kannst du staunen, wie weit du per Fahrrad von deinem Startpunkt innerhalb von 5 Minuten kommst. Oder in 10, 15 oder 30 Minuten.

>> Teste 5 Minutes by Bike gleich hier selber in deiner Stadt! 

Heatmap

Foto © ESA Heatmap

Der dritte Pfeiler der Bike Citizens Produkte sind Dienstleistungen für Städte.

Konkret sind das:

  • Fahrrad-Promotionen für Stadtbewohner und Bewohnerinnen
  • Clevere, nachhaltige Mobilitätsplanung mittels Radverkehrs-Datenanalysen

“Kooperationen mit Städten, die erkannt haben,
dass eine Wende kommen muss, damit sie nicht im Verkehrschaos enden” 

Für Städte: Motivationskampagnen und Datenanalyse

Dieser Pfeiler basiert auf Kooperationen mit Städten, die erkannt haben, dass eine Wende kommen muss, damit sie nicht im Verkehrschaos enden. In einer engen Zusammenarbeit mit der Stadt, entwickelt Bike Citizens Kampagnen, die die Fahrradnutzung fördern und die gleichzeitig im Einverständnis mit den Teilnehmenden eine Datensammlung erlauben, auf der später die Radverkehrsplanung basiert.

Dabei dient die Bike Citizens App als Basis. Die teilnehmenden Bürgerinnen und Bürger zeichnen mit der App ihre gefahrenen Strecken auf (wenn sie das wollen) und helfen dabei, die notwendigen Daten für die Verkehrsplanung zu erheben.

Zwei erfolgreiche Kampagnen sind Bike Benefit und PING if you care!:

Bike Benefit Toolkit

Kleine Geschenke fürs Fahrradfahren: Bike Benefit! Foto © Bike Citizens

Bike Benefit ist eine Art “Miles & More” fürs Fahrrad. Teilnehmerinnen und Teilnehmer können mithilfe der App Punkte sammeln, indem sie möglichst viele Kilometer per Fahrrad zurücklegen, aber auch mit Faktoren, die sie im Spiel selber entdecken können. 

Die Punkte können sie dann in lokalen Geschäften einlösen, die Partner der Stadt und der Kampagne sind. So bekommen sie vielleicht einen kostenlosen Kaffee in einem Café, vergünstigte Produkte – oder was immer ein Geschäft an Gegenwert anbietet. Hamburg, Wien, Berlin, Bremen  und viele weitere Städte haben Bike Benefit bereits erfolgreich durchgeführt. 

PING if you care! Heatmap

So sieht eine Ping-Karte aus! Graphik © Bike Citizens / Mobiel 21

PING if you care! zielt darauf ab, die gefühlte – subjektive – Sicherheitslage für Radfahrende in einer Stadt zu verbessern. 

Teilnehmende Radfahrerinnen und Radfahrer können an Stellen, an denen sie sich nicht sicher fühlen, einen Bluetooth-Knopf an ihrem Lenker drücken, den PING-Button. Damit verortet die App den genauen Standort auf der Karte. Die Teilnehmerin oder der Teilnehmer kann diesen Punkt später klärend kommentieren.

Bei PING if you care! geht es nicht unbedingt um offensichtliche Hindernisse wie Schlaglöcher, sondern um gefühlt unsichere Situationen. Auch Konfliktsituationen mit anderen Verkehrsteilnehmenden können “gepingt” werden. Diese nehmen Menschen nämlich als besonders unangenehm wahr.

In der PING if you care Kampagne geht es nicht unbedingt um offensichtliche Hindernisse wie Schlaglöcher, sondern um gefühlt unsichere Situationen, wie schlechte Beleuchtung oder Radwege, die zu nahe an geparkten Autos vorbeiführen. 

Denn es können auch Konfliktsituationen mit anderen Verkehrsteilnehmenden “gepingt” werden. Diese ungemütlichen Begegnungen sind Resultat einer autozentrierten Verkehrsplanung. Die Hierarchie hat sich tief in unsere Wesen eingeschrieben und führt zu einem “Kampf um den Platz auf den Straßen”. Und diesen nehmen Menschen als besonders unangenehm wahr.

Tausende von PINGs (= auf der Karte markierte Stellen mit Informationen zur Art der Situation oder Infrastruktur) kommen so zusammen. Bike Citizens werten diese mit Hilfe ihres Datenanalyse-Tools aus. Häufungen von PINGs an einer Stelle können Anhaltspunkte für Probleme sein, “manchmal sind aber auch nicht vorhandene PINGs aufschlussreich”, sagt Mobilitätsberater Adi Hirzer. Zusammen mit den Stadt-Verantwortlichen, erarbeitet er schließlich notwendige Maßnahmen, um die subjektiven Sicherheitslücken zu schließen. Oft sind genau diese Sicherheitslücken Gründe für Stadtbewohnerinnen und -bewohner, nicht aufs Fahrrad zu steigen.

Familiäre Stimmung, Freiraum, innovative Ideen
Bike Citizens engagiert sich nicht nur für radfreundliche Städte, sondern auch für menschenfreundliche Arbeitsbedingungen für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Viele kleine Bausteine tragen zu einer familiären Teamstimmung bei und begünstigen konzentriertes, aber auch kreatives Arbeiten.

“Mit diesen Freiräumen entstehen viel eher kreative Ideen als unter starren Arbeitsbedingungen”, ist Andreas Stückl überzeugt.

Bike Citizens Graz

Das sind Bike Citizens: Engagement für radfreundliche Städte und menschenfreundliche Arbeitsbedingungen Foto © Bike Citizens / Andreas Stückl

  • Vier Tage Woche: Alle arbeiten nur von Montag bis Donnerstag
  • Ruhe und Meeting: Morgens ist stilles Arbeiten – Besprechungen am Nachmittag
  • Home Office: jederzeit möglich, nicht erst seit Corona
  • Gemeinsam Essen: Montag gibt es ein gemeinsames Frühstück, spendiert vom Betrieb – in der Coronazeit findet es weiterhin statt –  per Videokonferenz Zoomcall, alle in ihrer eigenen Küche. Und Mittagessen, sprich einmal pro Woche gemeinsam kochen und essen. 
  • Betriebsausflüge: verbinden die Teams in Graz und Berlin; gependelt wird per Zug 
  • Work Week:  Einmal im Jahr arbeiten außerhalb der Office-Routinen

Fahrradfreundlicher Arbeitgeber: Wettbewerb und Betriebs-Rad 
Fahrradfreundlich ist Bike Citizens zweifellos. Die Zertifizierung zum Cycle-friendly employer (CFE) – zum fahrradfreundlichem Betrieb also – war daher nur ein logischer Schritt. Einerseits um ihr Engagement fürs Fahrrad auch von offizieller Seite bestätigen zu lassen, andererseits aber auch, um ein Vorbild für andere Unternehmen zu sein und sie zu motivieren, es ihnen gleich zu tun.

Für die CFE-Zertifizierung musste Bike Citizens keine großen Änderungen vornehmen – die Bedingungen waren schon erfüllt. Zwei Beispiele, wie Bike Citizens die abgefragten Maßnahmen lebt:

fahrrad freundlicher arbeitgeber

Interne Team-Competitions rund ums Radfahren gehören zum Alltag der Bike Citizens. Foto © Bike Citizens

Interne Team-Competition: Wer zeichnet pro Woche am meisten Radfahrten mit der Bike Citizens App auf?

Brompton

Team Berlin – glücklich übers faltbare Firmen-Leih-Faltrad. Foto © Bike Citizens / Andreas Stückl

Ein Brompton-Faltrad steht allen Mitarbeitenden für Berufsreisen, aber auch privat kostenlos zur Ausleihe zur Verfügung.

Der Finn, die App, das Engagement für die Städte und die kollektive Vision – Bike Citizens ist von einer einfachen App-Idee zu einer Technologie- und Marketingfirma für Fahrradförderung geworden. Die Mission hat sich nie verändert:

Bike Citizens vermitteln Freude am Radfahren und machen Städte lebenswerter.

Bike Citizens

Bike Citizens leben eine demokratische Unternehmensphilosophie – keine Hierarchie. Und: Man mag sich. Das Foto entstand bei der WorkWeek in den Slowenischen Weinhängen. Foto © Bike Citizens / Andreas Stückl

Doro Staub
Doro Staub ist Texterin und lebt in der Schweiz und in Italien. Sie reist seit Jahren immer wieder mit dem Fahrrad durch Italien. Wer das auch gern machen möchte, findet auf ihrem Blog Miss Move viele bunte Berichte und Tipps.

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