Das urbane Fahrradmagazin

200 Jahre Fahrrad: Wie das Fahrrad die Gesellschaft verändert

Vor 200 Jahren wurde das Fahrrad in Mannheim erfunden: die Draisine, ein Laufrad. Seitdem hat sich rund ums Rad viel getan – auch was die gesellschaftliche Entwicklung betrifft.

Foto_Jennifer_square
Lebt im urbanen Rhein-Main-Gebiet und genießt es, mit ihrem Hollandrad zu Arbeit zu fahren. Monotonie ist nichts für sie und vermeintliche Umwege sind oft die spannenderen und schöneren Wege, die auch zum Ziel führen. In ihrer Freizeit ist sie meist mit dem Rennrad unterwegs; reist ans Meer und in die Berge - ein Rad ist immer dabei, denn ohne geht es bei ihr nicht!

Das Fahrrad – vom Statussymbol zum Massenprodukt

Mit einem Vulkanausbruch fing alles an: Das Klima veränderte sich; es kam zu Ernteausfällen und viele Pferde, die damals nicht nur im Ackerbau eingesetzt wurden, sondern auch als Transportmittel für Menschen und Waren gebraucht wurden, verhungerten. Ohne die Tiere wurde das Leben noch schwieriger, als es ohnehin schon war. Da hatte Karl Freiherr von Drais die Idee: 1817 erfand er die Draisine, die das Pferd ersetzen sollte, aber so teuer war, dass der Großteil der Bevölkerung sie sich nicht leisten konnte

Draisine Technoseum

Abbildung aus der technischen Beschreibung der Laufmaschine von Karl von Drais, publiziert im Herbst 1817. Damit Nachbauer es nicht allzu leicht hatten, verdeckte der Fahrer auf der Zeichnung mit seinem Bein die Bremse. Foto: Technoseum

Nach der Erfindung des Laufrads tat sich allerdings lange nichts. Erst Anfang der 1860er Jahre entwickelte Pierre Michaux mit dem Tretkurbel-Vélocipède das Rad weiter und zeigte es bei der Pariser Weltausstellung 1867. Es war ein voller Erfolg. Das Rad konnte sich allerdings nur das wohlhabende Bürgertum leisten. Auch mit dem drei Jahre später auf den Markt kommenden Hochrad – großes Vorderrad, kleines Hinterrad – war es nicht anders.

Velocipede Technoseum

Tretkurbelrad Vélocipède Michaux, 1868: Mit geschmiedetem Rahmen und hölzernen Rädern wog dieses Gefährt 26 Kilogramm. Foto: Technoseum

Hochrad Technoseum

Auch mit dem um das Jahr 1885 auf den Markt kommenden Hochrad – großes Vorderrad, kleines Hinterrad – war es nicht anders. Es war hauptsächlich für das Bürgertum interessant. Foto: Technoseum

Dies änderte sich erst Ende der 1870er Jahre mit dem Sicherheits-Niederrad von Henry Lawson und John Boyd Dunlops luftgefüllten Gummireifen, die er um 1888 erfand: Gleich große Räder, Kettenantrieb, Übersetzung aufs Hinterrad und besagte Reifen – so sah das Rad damals aus und so ist die Konstruktion noch heute. Anfang des 20. Jahrhunderts kam es zur Massenproduktion und das Fahrrad wurde nun für jeden erschwinglich und vom Statussymbol zum Gebrauchsgegenstand für alle.

Sicherheitsrad Technoseum

Sicherheitsniederrad „Rover III“, um 1888. Eine Gerte am Lenker diente zur Abwehr angriffslustiger Hunde.

Für die Arbeiter bedeutete es gleichzeitig Zeitersparnis, Flexibilität und mehr Unabhängigkeit, da sie sich durch die gewonnene Mobilität von ihrem Arbeitgeber emanzipieren und sich einen neuen Arbeitsplatz suchen konnten. Doch nicht nur Arbeiter profitierten von der neuen Freiheit: Obwohl das Fahrrad in erster Linie für Männer war, ließen es sich Frauen nicht nehmen, ebenfalls zu fahren.

Frauen aufs Rad

Nur leicht hatten es die ersten Radfahrerinnen nicht – das damalige Rollenbild und die Kleiderordnung erschwerten ihnen die Nutzung ungemein. Ihre bauschige und gleichzeitig auch einengende Kleidung machte es ihnen beinahe unmöglich, ein gängiges Rad zu fahren. Wollten sie Radfahren, mussten sie entweder die Kleiderordnung und somit den Sittenkodex verletzen – Beinfreiheit war nicht gern gesehen und Hosen für Frauen eher unangebracht – oder sie nahmen eines der Damenräder, die jedoch äußerst instabil waren und auf denen sie wie auf einem Pferd im Damensitz fahren mussten.

Frau mit Fahrrad 1910

Dame mit Fahrrad im Fotostudio, um 1910

Trotz aller Konventionen gab es jedoch bereits 1868 das erste Damenrennen in Bordeaux, denn auch als Sportgerät war das Fahrrad nicht nur bei Männern beliebt. Durch das Aufkommen des Niederrads, das auch als Damenrad mit tiefem Einstieg hergestellt wurde, stiegen immer mehr Frauen aufs Fahrrad um. Förderte das Fahrrad die Emanzipation der Arbeiter, so förderte es auch die der Frauen – sie fuhren Rad und das war auch noch so, als das Fahrrad in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg an Bedeutung verlor.

Das Fahrrad wird vom Auto überholt

Jahrzehntelang war das Rad als Transportmittel wichtiger Bestandteil der Mobilität – dies änderte sich mit dem Wirtschaftswunder in den 1950er Jahren: Der Motorrad- und Auto-Boom setzte ein und wer jetzt noch Fahrrad fuhr, konnte sich kein motorisiertes Fahrzeug leisten oder hatte keinen Führerschein. Das einstige Statussymbol hatte nun den Ruf des Arme-Leute-Fahrzeugs.

Bonanzarad Technoseum

„Bonanzarad“, 1970

das frühe Faltrad

Das Klapprad wurde Ende der 1960ere Jahre mehr oder weniger zu einem Autozubehör. Abbildung aus einem Versandkatalog, um 1970. Foto: Technoseum

Einen kleinen Aufschwung erfuhr das Fahrrad Ende der 1960er, als das Bonanza-Rad und das Klapprad aufkamen. Die Konzentration lag jedoch weiterhin auf den motorisierten Verkehrsmitteln, die autogerechte Stadt stand im Vordergrund. Dies änderte sich erst durch die Ölkrise in den 1970er Jahren. Ein ökologisches Bewusstsein entwickelte sich, das Fahrrad wurde langsam wieder wichtig, gerade im städtischen Nahverkehr. Durch die Entwicklung des Mountainbikes in den 1980er Jahren und die aufkommende Fitnessbewegung, wuchs das Interesse an der Fahrradnutzung weiter.

Gebrauchsgegenstand und Luxusgut

Heute ist Fahrradfahren ein Ausdruck der Lebenseinstellung geworden und das Fahrrad ein alltagstaugliches Lifestyle-Objekt – zumindest in weiten Teilen Europas. Gleichzeitig ist es in vielen anderen Ländern weiterhin das einzige Transportmittel. Gerade in afrikanischen Ländern sind die Entfernungen weit, öffentliche Verkehrsmittel oft nicht vorhanden und ohne Rad müssten die Menschen kilometerweit laufen. Noch immer ist es keine Selbstverständlichkeit, dass jeder ein Rad besitzt, dabei ist durch das tradierte Rollenbild ein Fahrrad gerade für die Emanzipation der Frauen wichtig.

Auch in der einstigen Radnation China sind weiterhin viele Menschen auf das Fahrrad angewiesen. Die Geschichte von einem chinesischen Wanderarbeiter, der zum Neujahrsfest nach Hause wollte, aber kein Geld für ein Zugticket hatte, kursierte in diesem Jahr durchs Netz. Er nahm das Rad, um über 2.500 km zu seiner Familie zu fahren, allerdings fuhr er 500 km in die falsche Richtung, bevor er auf der Autobahn angehalten wurde.

Das Fahrrad: Es ist und bleibt das umweltfreundlichste Verkehrsmittel

Sorgte vor 200 Jahren ein Vulkanausbruch für die Erfindung des Fahrrads, ist es heute die gewünschte Lebensqualität in Städten, die Menschen dazu bewegt, das Fahrrad als individuelles Verkehrsmittel zu wählen – was mit einer überschaubaren Produktion und als Statussymbol anfing, ist heute aus dem Stadtverkehr nicht mehr wegzudenken.

Das Fahrrad nimmt im urbanen Raum einen immer größeren Stellenwert ein. Die unterschiedlichsten Modelle sind auf den Straßen zu sehen, Falträder, Lastenräder und E-Bikes sind in den vergangenen Jahren immer beliebter geworden. So lassen sich lange Wege bequem mit elektronischer Unterstützung zurücklegen, das kleine Faltrad fährt platzsparend im Zug mit und für Einkäufe eignet sich ein Lastenrad. Viel lässt sich inzwischen völlig unproblematisch mit dem Fahrrad erledigen. Es bringt Bewegung ins Leben, verschafft Freiheit und ist umweltfreundlich.

Rund ums Rad gibt es jährlich verschiedene Veranstaltungen, doch gerade im Jubiläumsjahr werden vor allem in Baden-Württemberg zahlreiche Events, Filme, Ausstellungen und Radtouren organisiert – dazu gehört auch eine große Ausstellung zur Fahrradgeschichte in Mannheim  im Technoseum, von dem übrigens das gesamte Bildmaterial in diesem Text stammt.

Foto_Jennifer_square
Lebt im urbanen Rhein-Main-Gebiet und genießt es, mit ihrem Hollandrad zu Arbeit zu fahren. Monotonie ist nichts für sie und vermeintliche Umwege sind oft die spannenderen und schöneren Wege, die auch zum Ziel führen. In ihrer Freizeit ist sie meist mit dem Rennrad unterwegs; reist ans Meer und in die Berge - ein Rad ist immer dabei, denn ohne geht es bei ihr nicht!

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