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“Radbahn Berlin” plant Hochbahnlinie in überdachten Radweg zu verwandeln

Ein Team aus Spezialisten verschiedenster Fachgebiete möchte den ungenutzten Raum unter der Hochbahnlinie U1 in einen Radweg verwandeln. Trotz großer Projektfortschritte gilt es für die Radbahn Berlin noch einige Hürden zu nehmen.

Über neun Kilometer Radweg am Stück, entlang einer der Hauptverkehrsachsen Berlins, durch drei Bezirke und etliche beliebte Kieze. Der ganze Weg ist komplett überdacht, (außer im Abschnitt Park Gleisdreieck) baulich klar von der Straße getrennt und mit einer eigens auf Radfahrer abgestimmten grünen Welle versehen. Auf der gesamten Strecke ist der Radweg gesäumt von Grünflächen, Radservice-Stationen und Erholungsangeboten wie kleinen Cafés und Foodtrucks. Das klingt verlockend, gerade in Berlin, wo in Sachen Fahrradstruktur vielerorts noch Nachholbedarf besteht.

Radbahn Skizze

Auf der gesamten Strecke ist der Radweg gesäumt von Grünflächen, Radservice-Stationen und Erholungsangeboten wie kleinen Cafés und Foodtrucks. Foto: Radbahn Berlin

Ein Traum, der bald Wirklichkeit werden soll – zumindest, wenn es nach Matthias Heskamp und dem Rest des Teams von paper planes e.V. geht. Sie wollen die größtenteils brachliegende Fläche unter dem Viadukt der U-Bahnlinie U1  aufwerten und unter anderem in einen Radweg umgewandelt sehen.

Momentan nehmen den Platz unter der Hochbahntrasse, der nicht für Ein- und Ausgänge der Bahnstationen benötigt wird, größtenteils widerrechtlich abgestellte Autos ein. Das altehrwürdige Viadukt mit Symbolwirkung von Warschauer Straße bis Bahnhof Zoo kennt jeder – den ungenutzten Platz darunter hatte aber offensichtlich noch niemand genauer unter die Lupe genommen.

Bis eines Tages Heskamps Telefon klingelte und sein Freund Martti Mela ihm die Idee vorstellte, die Route für einen Radweg zu nutzen. „Zwei Tage später haben wir dann schon die ersten Skizzen angefertigt“, sagt Heskamp heute.

Radbahn Berlin: Eine Prachtstraße für den Radverkehr

Der Gedanke dahinter ist so simpel wie einleuchtend: Auf der Strecke vom Bahnhof Zoo bis zur Warschauer Brücke gibt es ein hohes Verkehrsaufkommen. Davon machen Menschen, die radfahren, einen ernstzunehmenden Teil aus. Aber: Nur auf weniger als der Hälfte der Strecke gibt es bislang Radwege. Und da, wo es welche gibt, sind sie häufig nicht angenehm zu befahren. Darunterliegende Wurzeln und eine hektische Streckenführung vermindern das Radvergnügen.

Radbahn Berlin Strecke

Foto: Radbahn

Wieso also nicht den Radweg von der Straße abgetrennt unter die Bahnlinie packen? „Die Fläche liegt brach, bis auf die illegal geparkten Autos. Außerdem ist ein Radweg dort auch ein Lifestyle-Element. Wenn es für Radfahrer eine Prachtstraße gäbe, wie es sie vielerorts für Autos gibt, dann wird das gefeiert und genutzt“, meint Heskamp.

Für das bunt gemischte Team von Radbahn und paper planes e.V. ist die Radbahn mehr als nur eine Möglichkeit, sicher und schnell von Friedrichshain nach Charlottenburg zu kommen. Stattdessen ist sie „ein Konzept, dass den ehemaligen Raum entlang der ikonographischen U1 zu einer pulsierenden städtischen Arterie reaktivieren möchte, und dabei als Spielfeld für zeitgemäße Mobilität, Innovation und Freizeitangebote fungieren kann“, wie es in der Potentialstudie heißt, die das Team momentan erarbeitet.

Radbahn Berlin Radweg mit Bikesharing

Die Fläche unter der U1 bietet mehr Platz, als ein doppelspuriger Radweg einnehmen könnte. Foto: Radbahn Berlin

Denn die Fläche unter der U1 bietet mehr Platz, als ein doppelspuriger Radweg einnehmen könnte. Auf beiden Seiten bliebe somit genug Raum für Bepflanzung, die als optischer und akustischer Vorhang dienen kann, Servicestationen zum Reparieren des eigenen Fahrrads oder „Verpflegungsstationen“, wie Straßencafés und Essensstände, die mit ein paar Stühlen zum Verweilen einladen.

Positive Signale vom Berliner Senat

Die erwähnte Potentialstudie soll Ende Mai präsentiert werden. Sie entstand aus jahrelangen Planungen, Überlegungen und Untersuchungen. Alles unter der Zielsetzung, „die Strecke auf städtebauliche Aspekte zu untersuchen und Antworten darauf zu finden, wie der Raum auf die (Sozial-)Geographie der Bezirke angepasst werden kann“, so Heskamp.

Denn die Radbahn soll durch unterschiedlichste Stadtteile mit unterschiedlichsten Gegebenheiten führen. So liegen breite Boulevards ebenso entlang der U1-Linie wie der Gleisdreieckpark oder das pulsierende Kottbusser Tor. Für die jeweiligen Streckenabschnitte müssen individuelle Lösungen gefunden werden, ohne ihren Charakter grundlegend zu verändern. Das sieht auch der Berliner Senat so, der laut Heskamp in der Vergangenheit zwar „positive Signale“ ausgesendet hat, aber auch „neugierig ist, wie mit Knotenpunkten umgegangen werden kann.“

Alle Lösungsansätze analysiert die Potentialstudie, in welche ebenfalls Datensätze von Bike Citizens einfließen. Wenn sie fertig gestellt ist, werden Heskamp und Co. sie der Politik, dem Senat, Unternehmern und zivilgesellschaftlichen Akteuren und Akteurinnen und der Presse vorlegen. Die Hoffnung besteht, dass der Senat anschließend in eine konkrete Machbarkeitsstudie zum Thema investiert. Denn das Thema Geld spielt eine große Rolle – wie immer, wenn es um infrastrukturelle Verbesserungen geht.

Durch „Zusammendenken“ zum Ziel

Doch Heskamp ist zuversichtlich. „Ein solches Projekt hätte eine extreme Symbolwirkung dafür, dass es hier Spaß macht, Rad zu fahren. Damit kann man in den Köpfen etwas verändern.“ Wenn die Radbahn beschlossen ist, hat sich das Team schon weitere Verbesserungen überlegt. Neben modernster Verkehrstechnik soll auch der Straßenbelag außergewöhnlich sein und im Idealfall durch Druckempfindlichkeit Bewegung in Strom umwandeln oder auch via im Belag eingearbeitete Solarzellen Sonnenstrahlen einfangen, um sie als weitere Energiequelle zu nutzen.

Vor allem aber wollen sie mit Fertigstellung der Radbahn nicht aufhören. Auch deshalb gründeten sie den Verein paper planes e.V. Denn: Die Radbahn soll nur ein „kleines Stück von einem großflächigen Radwegenetz in der Stadt sein“, wie es auf ihrer Website heißt. Dafür will das Team Partner suchen, die die gleichen Ziele verfolgen. Bei paper planes will man keine Alleingänge, stattdessen werden alle angesprochen. Das Credo lautet Partizipation, oder „zusammendenken“, wie Heskamp es ausdrückt.

Gemeinsam wollen er, die gesamte Radbahn-Gruppe und alle ihre Partner den Gedanken der alternativen Mobilität voranbringen. Sie sehen die Möglichkeit, sich durch die Stadt zu bewegen als große Chance auf Veränderung. „Die schnelle Entwicklung in Mobilitätsfragen wird in den nächsten 30 Jahren zur Revolution führen – durch den Klimagedanken und ein verändertes Wertegefühl“, stellt Heskamp fest. „Wir glauben: Der neue Raum kann menschlich sinnvoll genutzt werden. Dafür muss man die Diskussion nur auf ein neues Level heben.“ Dann können auch Träume wahr werden.

Titelbild © Reindeer Rendering